LOREENA MCKENNITT - Frankfurt/M.

03 loreenamckennitt frankfurt 05Konzert vom 13.03.2024

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LOREENA MCKENNITT

Es ist schon ein wenig befremdlich, dass die Grand Dame des Celtic Folk aus Kanada stammt. Zu wenig assoziiert man ihre Musik mit der neuen Welt, zu sehr fußt sie in den tiefen Traditionen der Insel. Aber LOREENA MCKENNITT verstand sich immer als Kosmopolitin, die überall zuhause ist und sich für unterschiedliche Kulturen begeistert. Zuletzt sah es aber so aus, als ob die musikalische Karriere auf Eis liegt, zu wenig aktiv war die Künstlerin, eine Tour wurde im Zuge der Pandemie immer wieder verschoben. Nun bringt sie ihr neues Album „The Road Back Home“ zurück auf die Straße, ihr Kalender ist prall gefüllt, im Frühjahr macht sie nicht den einzigen Abstecher nach Europa für dieses Jahr. Mit der Alten Oper in Frankfurt stand ein Venue auf dem Plan, welches wie gemacht für ihre zauberhaften Klänge scheint, FFM-ROCK ließ sich vor Ort verzaubern.

Irgendwo aus dem Dunkel erhoben sich pünktlich um 20 Uhr die ersten sanften Klänge, wobei sich besagtes Dunkel im Laufe des Gigs kaum lüftete. Hinten warfen Kerzenständer ihre eigenen Schatten an die Leinwand, während die Mitmusiker nur schemenhaft erkennbar waren. Lediglich die Frontfrau wurde angestrahlt, wobei sie ihre Rolle komplett im Sitzen ausfüllte. Da saß sie beim Opener „Samain Nights“ an der Harfe und entlockte dem Instrument himmlische Töne. Entrückt wie ihr Gesang und ihre elfenhafte Aura zupfte sie die Saiten mit Bedacht und Gefühl, zelebrierte jeden Anschlag.

Zelebrieren tat sie auch ihren Gesang, ihre Stimme hat mit fast siebzig nichts von ihrer Kraft und Brillanz verloren. Unfassbar wie sie selbst schwierige Melodien sicher rüber brachte, sie wunderschön in Szene setzte, ihren Sopran förmlich fliegen ließ. Klar war das die gesamten mehr als zwei Stunden im getragenen Modus, doch die Magie ließ nie nach, der Hörer wurde gänzlich eingehüllt. Wenn sie dann ein paar Mal die Dynamik etwas anhob, mit voller Inbrunst sang, dann schien der Saal zu beben. Im Laufe des Konzertes wechselte sie mehrmals nach hinten an den Flügel, aus dem sie ebenso wundervolle Klänge zauberte.

Ein bisschen nahm sie neben ihrer musikalischen Leadposition auch die Frontrolle der Show an. Da alle Musiker rein auf ihren Vortrag bedacht waren, blieben irgendwelche Bühnenelemente komplett aus. Dafür referierte die gute Loreena ausufernd zwischen den Liedern, erzählte wie sie diese Art Musik entdeckte, von ihren sozialen Projekten oder vom Leben auf Tour.
Dabei wechselte sie von nachdenklichen Themen wie den Gefahren des Web 2.0 zu heiteren Episoden wie dem Seelenverkäufer auf dem Shannon Airport. Es war einfach ihre Art, wie sie dem Publikum begegnete, zwar mit Tiefgang anregend, doch immer mit einer ungeheuren Herzlichkeit, mit welcher sie sich auch ausgiebig für den Applaus bedankte.

Der brandete nach jedem Song auf, ein paar Passagen sorgten für Szenenapplaus, ansonsten war das Auditorium still. Singalongmomente ergaben sich lediglich beim abschließenden Traditional „Wild Mountain Thyme“, jedoch auch sehr schüchtern. Kein Wunder, wer könnte denn gegen die Stimmgewalt einer McKennitt ankommen, da beschränkte man sich aus Ehrfurcht auf die Zuhörerrolle. Zwar brachte auch die spärliche Beleuchtung etwas Distanziertheit, welche die Dame aber mit ihrer eindringlichen Art überwinden konnte. Jeder Titel legte sich wie ein warmer Mantel um die Reihen.

Ihre Mitmusiker standen in Sachen musikalischer Größe in nichts nach, selbst wenn noch spärlicher arrangiert wurde als auf den Alben. Dadurch erhöhte sich die Intensität, wenn man warten muss bis Dudley Phillips einen weiteren Ton auf seinem Kontrabass drückte. Wenn die kamen gingen die ganz tief legten sich wohlig unter die Melodiebogen und erzeugten diese unglaubliche Wärme. Mit dem E-Bass brachte er die selbe Präzision ein wie Brian Hughes an den sechs Saiten.
Jener hielt sich konsequent zurück, steuerte nur Fills und Flächen bei mal schwer, mal schwermütig, dann mit den feinen Spitzen, wie sie nur ein Fender Stratocaster hervor bringen kann. Fast überflüssig zu erwähnen, dass da alles so punktgenau saß, der Mann jede Schwingung perfekt dosierte. Ganz selten durfte er sich erheben, die Führung übernehmen, um geniale Momente zu kreieren wie in „The Bonny Swans“, bei dem er sich mit Violinist Hugh Marsh duellierte.

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Der stand rechts vorne neben Cellistin Carolin Lavelle und veredelte die Songs mit seinem oft melancholischen Strich mit dem Bogen. Mal schwebend, mal melodisch, dann flirrend rief er die gesamte Stimmungsvielfalt ab. Im Verbund mit der anderen Streicherin harmonierten die beiden wunderschön wie das gesamte Ensemble. Die verschiedenen Tonlagen ihrer Instrumente knüpften einen dichten Teppich, der trotz der spartanischen Arrangements die eine oder andere Soundwand hochzog.
Nicht nur mit Marsh harmonierte Lavelle phantastisch, auch die LOREENA MCKENNITT bildete sie einen Kontrast, die nicht abstieß, sondern sich vereinte. Wenn sie ihre tiefere Stimme unter die der Leadsängerin legte stellten sich auch noch die letzten Haare, die sich kaum zurück zur Haut bewegten im Laufe des Gigs. Mit der Flöte, speziell beim Instrumental „Manx Ayre“, und dem Akkordeon hatte die zweite Dame auf der Bühne noch weitere schimmernde Farben auf der Palette.

Doch dieses unfassbar gesetzte Spiel wäre nichts, wenn man es nicht in der nötigen Klarheit hören würde. Da tat die Alte Oper das, wofür sie gebaut wurde. Lobte ich vor knapp einem Jahr bei STEVE HACKETT die Akustik in dem Venue über den grünen Klee, so war sie an dem Abend der letzte Baustein dem Weg zu einer beeindruckenden musikalischen Reise zu pflastern. Jeden Ton gab die große Halle des altehrwürdigen Gemäuers plastisch wieder, hier war jede einzelne Schwingung wahrzunehmen. Alles kam wunderbar ausbalanciert und sowas von kristallklar, um zum großen Ganzen zu verschmelzen.

Auch wenn jegliche Bühnengebaren ausblieben, so war den Musikern der Spaß an der der konzentrierten Performance anzusehen. Besonders Carolin Lavelle suchte immer wieder den Kontakt zu McKennitt, um bei dieser Kommunikation ein Lächeln auf die Lippen zu bekommen. Auch der lässige Phillips strahlte Spielfreude aus, obwohl er im Dunkel nur schemenhaft erkennbar war. Hier waren absolute Ausnahmekönner am Werk, die die große Dame schon lange begleiten. Hughes wechselte oft sein Spielgerät, hatte in manchem Song mehrere davon am Start und fühlte sich auch an der Mandoline wohl.

Einige haben schon ihre Klassiker mit eigespielt, aus denen der Großteil des Sets bestand, wobei das aktuelle Album noch nicht zum Einsatz kam. Dafür kamen mit „A Hundred Wishes“ und „Ages Past, Ages Hence“ ganz früh zwei Stücke vom letzten Werk „Lost Souls“. Der Bogen spannte bis zum Debüt „Elemental“ mit dem großartigen „Stolen Child“, dessen Melodie am meisten einschmeichelte. Im zweiten Set gab sie dann das komplette „The Visit“ zum Besten, eines ihrer Referenzwerke mit „The Lady Of Shalott“, der Adaption von „Greensleeves“ und der Shakespeare-Hommage „Cymbeline“.

Als Zugabe konnten die Fans noch „Dante´s Prayer“ von „Book Of Secrets“ neben erwähntem Stück Kulturerbe in Empfang nehmen. Danach war es wie ein Aufwachen aus einem wunderschönen Traum, ebensolche Musik wurde in vollendeter Form dargeboten. Es war schwer aus dieser völlig vereinnahmenden Atmosphäre den Weg zurück zu finden, man versank komplett darin und vergas Raum und Zeit. Vielleicht der Eskapismus den es in diesen Zeiten braucht, bei dem immer einen Funken Hoffnung mitschwang, und einen auf derart schwindelerregendem musikalischen Niveau entschleunigte.

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Fotos von Jutta Bradtke

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